Wenn Christian Wulff Bundespräsident werden sollte, kommt er wohl um einen Besuch in Uganda nicht herum. Zu freundlich ist ihm gestern Unterstützung aus der ostafrikanischen Republik bedeutet worden: „We are praying for you“ („Wir beten für Sie“), versicherte Botschafter Canon Francis  Butagira dem Niedersachsen – und wünschte ihm im Namen seines ganzen Volkes Erfolg bei der Wahl am nächsten Mittwoch.


Wulff traf den Diplomaten am Vormittag bei einer Visite der Firma Hero-Glas, einer von 23 Stationen seiner vermutlich letzten Sommerreise als niedersächsischer Ministerpräsident.

Butagira hatte sich bei dem Hightech-Unternehmen im emsländischen Dersum über ein mögliches Sonnenkraft-Projekt für ländliche Regionen Afrikas erkundigt - und sich bei dieser Gelegenheit als Wulff-Fan geoutet. Der CDU-Kandidat vernahm es mit Freude. „Ich arbeite daran, Sie in Zukunft in Berlin häufiger zu sehen“, bedankte er sich artig beim Botschafter Ugandas.
Die Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten prägte die 1099 Kilometer lange Tour von Anfang bis Ende. Wohin er auch kam, überall wurde Wulff auf den angestrebten Wechsel in das Schloss Bellevue angesprochen - und durchweg mit Erfolgswünschen bedacht.
Wie in Elsfleth in der Wesermarsch. „Herr Bundespräsident!“, rief ihm ein älterer Mann zu - und drückte auf den Auslöser seiner Kamera. Doch Wulff wehrte ab: „So weit sind wir noch nicht. Man sollte den Tag nicht vor den Abend loben.“
Eher gefiel ihm da schon, wie sich ein freundlicher Herr als Glücksbringer andiente. „2002 habe ich Ihnen die Hand geschüttelt, und da sind Sie Ministerpräsident geworden. Jetzt möchte ich Ihnen noch einmal die Hand schütteln - als zukünftigem Bundespräsidenten“, meinte der Mann. Wulff ließ es geschehen: „Das nehme ich als gutes Omen.“
In Scharrel im Saterland erteilten Schulkinder dem hohen Gast eine fröhlich-kesse Doppellektion in Saterfriesisch: einmal dem Ministerpräsidenten und einmal dem Bundespräsidenten, wie sie auf Plakaten mit Wulff-Konterfeis zum Ausdruck brachten.
Pathetischer wurde da Emsbürens Bürgermeister Bernhard Overberg bei einem Abstecher des Landesvaters zu Emsflower, der größten Blumenfabrik Europas. „Schade für Niedersachsen, aber ein Gewinn für die Nation“, bezeichnete er eine Wahl von Wulff zum Staatsoberhaupt.
Der Regierungschef genoss die guten Wünsche und das häufige „Bad in der Menge“ sichtlich. „Diese Sommerreise ist für mich die beste Ablenkung“, bekannte er - und räumte freimütig ein, dass seit der Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten doch „erheblicher Druck“ auf ihm laste.
Wulff steht „unter Strom“ wie wohl noch nie zuvor; der Terminkalender birst, der Medienrummel ist gigantisch. 550 Interview-Anfragen wurden an ihn herangetragen; während der Sommertour waren dem Ministerpräsidenten zeitweise mehr als 60 Journalisten aus dem In- und Ausland auf den Fersen. Von morgens bis abends musste er Fragen beantworten, selbst beim Public Viewing des Länderspiels gegen Ghana waren noch ständig vier Fernsehkameras auf den Kandidaten gerichtet.
Zumeist blieb Wulff cool. Aber wie sehr die Anspannung an den Nerven zerrt, wurde erkennbar, als er auf eine versuchte Neubelebung der Debatte um einen kurzfristigen Amtsverzicht als Ministerpräsident ungewohnt harsch reagierte.
Für Aufmunterung sorgen aber immer wieder die Begegnungen während der Tour. Mal waren es drollige Begegnungen mit Kindern wie in Elsfleth, wo der sechsjährige Finn ihm voller Bewunderung zu verstehen gab: „Ich habe gehört, du bist mal im Radio gewesen?!“, mal war es eine ausgesprochen emotionale Atmo sphäre wie auf Schloss Clemenswerth. „Osnabrück/Emsland bleibt meine Heimat. Ich werde immer vor Augen haben, woher man kommt“, beteuerte der Kandidat, für den die Reise auch eine mit Wehmut gespickte Abschiedstour war.
Am Ende zeigte sich Wulff optimistisch. „Ich bin zuversichtlich und gelassen“, gab er gestern kund. Aber vor ihm liegen noch ein paar harte Tage: Am Wochenende stellt er sich Wahlleuten in Bayern und Baden-Württemberg, am Montag gibt es eine Fülle von Terminen in Berlin, am Dienstag tagt er noch einmal kurz mit dem Kabinett und richtet einen Empfang zum 80. Geburtstag von Ex-Ministerpräsident Ernst Albrecht aus - und dann geht es wieder in die Hauptstadt.
Dort dürfte Wulff dann am Mittwoch auch seine letzte Amtshandlung als Ministerpräsident vollziehen: Er übergibt Landtagspräsident Hermann Dinkla seine Rücktrittserklärung als Regierungschef - falls die Gebete aus Uganda erhört werden und die Bundesversammlung so entscheidet. Einstweilen freut sich der CDU-Politiker aber auf eines: "Dass mich Samstagmorgen mein kleiner Sohn Linus mit Papa-Rufen weckt und wir frühstücken. Dann weiß man, was wichtiger ist im Leben als politische Ämter", sagte Wulff - und beugte mit dem Hinweis darauf auch für den Fall einer Niederlage am 30. Juni vor.Offen ist unterdessen, wann Wulff sich nach einer Wahl zum Staatsoberhaujpt in seiner niedersächsischen Heimat offiziell verabschiedet. Ein ursprünglicher angedachter Termin gilt jedenfalls als praktisch ausgeschlossen: die Sondersitzung des Landtages am kommenden Donnerstag, in der David McAllister (CDU) zum neuen Ministerpräsidenten gekürt werdeen soll.